Blog der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft

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Abb. 1 Rohgranate aus Tschechien, gewaschenes Konzentrat bei der Firma „Granat“ in Turnau 2021, vorbereitet zum Schleifen. Foto H.A. Gilg.

Zusammenfassung

Die seit dem 16. Jahrhundert zunächst sehr spärliche, ab etwa 1770 reichhaltige Literatur über kommerziell ausgebeutete Granatvorkommen in Böhmen wird bis in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg zusammenfassend dargestellt. Wichtige neuere Literatur zur Genese der Vorkommen und zu der Granatförderung in den letzten Jahrzehnten wird ebenfalls gestreift.
Bei den Granaten von Edelsteinqualität handelt es sich meist um chromhaltige Pyrope, untergeordnet auch um Almandine. Die Edelsteine stammen aus drei verschiedenen Fundgebieten, wobei das Gebiet um Leitmeritz in der Region Aussig im Nordwesten der Tschechischen Republik die weitaus wichtigsten Vorkommen beherbergt. Neben diesem Gebiet in Nordwestböhmen liegen noch bedeutende Granatvorkommen in Nordostböhmen in den Regionen Reichenberg und Königgrätz, sowie in einer Gegend, in der sich die Regionen Zentralböhmen und Hochland berühren.
Detaillierte Beschreibungen über die Gewinnung der Granate liegen für die wichtigsten Vorkommen im Gebiet um Leitmeritz vor. Die Entwicklung einer Schleifindustrie für Granate in Böhmen seit der Regierungszeit Kaiser Rudolfs II. (um 1600) wird ebenfalls zusammenfassend dargestellt.

 

 

Einleitung

In der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert existierten in Böhmen eine Anzahl von Granatschleifereien, welche zunächst das Rohmaterial aus den böhmischen Vorkommen, später zunehmend auch Material aus Tirol und Kärnten verwendeten. Die Geschichte der Gewinnung und Verwendung böhmischer Granate für Schmuckzwecke geht jedoch noch viel weiter zurück. Die Bezeichnung böhmische Granate, „granati Bohemici“, wurde erstmals von DE BOODT, einem der Leibärzte des in Prag residierenden Kaisers Rudolf II., im Jahre 1609 in seinem umfangreichen Werk über Edelsteine verwendet (siehe auch JEŽEK, 1914).

Aufgrund der Tatsache, dass böhmische Granate ungewöhnlich hohe Chromgehalte aufweisen, denen diese Edelsteine ihre attraktive rote bis rotviolette Färbung verdanken (Abb. 1), lassen sie sich mit Hilfe moderner, zerstörungsfreier Untersuchungsmethoden gut von Steinen anderer Vorkommen und insbesondere von Almandin-Granaten aus Tirol und Kärnten unterscheiden. Diese hohen Chromgehalte wurden schon 1826 von Trolle Wachtmeister analytisch bestimmt. Kürzlich wurden auch erhöhte Titangehalte in böhmischen Pyropen festgestellt, die ebenfalls zur Unterscheidung von Pyropen anderer Vorkommen dienen können (siehe GILG & GAST, 2015).

Böhmische Granate sind in einer Vielzahl von Schmuckstücken aus der Völkerwanderungszeit nachgewiesen (QUAST & SCHÜSSLER, 2000; GILG et al., 2015; HANUS et al., 2023), einer Zeit, für die Granat einen der wichtigsten für Schmuckzwecke verwendeten Edelsteine darstellt. Aus späteren Jahrhunderten sind ebenfalls Schmuckstücke oder liturgische Objekte erhalten geblieben, für deren Edelsteinbesatz böhmische Granate verwendet wurden (VOKÁČOVÁ, 1984; HANUS, 2013; KŘÍŽOVÁ, 2014; GILG & HYRŠL, 2014).

Die Verarbeitung größerer Mengen böhmischer Granate lässt sich ab dem späten Mittelalter im Breisgau (in den Städten Freiburg und Waldkirch) nachweisen, welches als Teil Vorderösterreichs direkt unter der Kontrolle der habsburgischen Verwaltung in Ensisheim im Elsass stand (METZ, 1961; KAISER, 2003). Die Verarbeitung von Granaten, welche erstmals 1544 in der Bruderschaftsordnung der „Bohrer und Balierer“ für Freiburg und Waldkirch erwähnt wird (SCHRAGMÜLLER, 1914), ersetzte dort in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zunehmend die Verwendung anderer Edelsteine mit Ausnahme von Bergkristallen aus den Schweizer Alpen.

Für einen Zeitraum von etwa 200 Jahren gelang es den Meistern der Bruderschaften in Freiburg und Waldkirch ihre Produktionsmethoden zur Verarbeitung (Bohren, Schleifen und Polieren) der in der Regel nicht über 5 mm großen böhmischen Granate im Wesentlichen geheim zu halten (SCHMETZER & KAISER, 2025), so dass diese außerhalb des Breisgaus lediglich in Nürnberg nach der von Claudius vom Kreutz zwischen 1580 und 1590 erfundenen Schleifmethode verarbeitet und unter anderem zur Dekoration von Gläsern verwendet wurden (Abb. 2) (SCHMETZER et al., 2023, 2024). Erst nach 1750 gelangte die Kenntnis der im Breisgau entwickelten Herstellungstechniken auch nach Böhmen, wo in den folgenden Jahrzehnten mehrere Schleifereien entstanden, in denen zunächst neben anderen heimischen Edelsteinen vor allem böhmische Granate verarbeitet wurden. Diese Entwicklung, zusammen mit anderen Faktoren wie der Erhebung von Ausfuhrzöllen für böhmische Rohsteine, war einer der Gründe für den Niedergang der Schleifindustrie im Breisgau (SCHMETZER & KAISER, 2025).

 

Bohmische Granate Abbildung 2Abbildung 2: Böhmische Granate auf dem Münchner Deckel- becher aus dem 17. Jahrhundert; alle Granate mit Durchmessern von 4 und 3 mm zeigen einen identischen Rosenschliff mit vier dreieckigen Facetten im Zentrum. Foto H.A. Gilg

 

 

Granate aus Böhmen von Edelsteinqualität, bei denen es sich meist chromhaltige Pyrope, untergeordnet auch um Almandine handelt, stammen aus drei verschiedenen Fundgebieten, wobei das Gebiet um Leitmeritz in der Region Aussig im Nordwesten der Tschechischen Republik das weitaus wichtigste Vorkommen darstellt (HANUS, 2013; HANUS, 2019). Neben diesem Gebiet in Nordwestböhmen, das auch als Böhmisches Mittelgebirge (České středohoří) bezeichnet wird, liegen noch bedeutende Granatvorkommen in Nordostböhmen in der Region Königgrätz, und dort im Riesengebirgsvorland (Podkrkonoší) und im Böhmischen Paradies (Český ráj), sowie in einer Gegend, in der sich die Regionen Zentralböhmen (Středočeský) und Hochland (Vysočina) berühren (Abb. 3).

 

 Bohmische Granate LandkarteAbbildung 3: Übersichtskarte der heutigen Tschechischen Republik mit wichtigen Städten und den Regionen (unten), in denen historische Granatvorkommen vor 1900 beschrieben wurden.

 

 

Die Geschichte dieser drei Fundgebiete sowie einiger kleinerer Vorkommen soll in dieser Arbeit hauptsächlich anhand der reichhaltigen Literatur, die nach 1770 einsetzt, dargestellt werden. Neben zahlreichen Arbeiten der verschiedensten Autoren sowie Artikeln und Notizen in Zeitungen und ähnlichen Druckschriften sind hierbei die Bücher und wissenschaftlichen Artikel in Fachzeitschriften einiger Autoren besonders hervorzuheben. Dazu gehören die 16-bändigen Werke von Jaroslaus SCHALLER (1738-1809) und Johann Gottfried SOMMER (1782-1848), die jeweils einen der 16 Kreise Böhmens detailliert beschreiben (Abb. 4). Ferner ist in diesem Zusammenhang auf die Publikationen von Franz Ambros REUSS (1761-1830), Kaspar VON STERNBERG (1761-1838), Franz Xaver ZIPPE (1791-1863), August Emanuel REUSS (1811-1873, dem Sohn von F.A. Reuss), Josef Emanuel HIBSCH (1852-1940) und Čeněk ZAHÁLKA (1856-1938) hinzuweisen (Abb. 5), welche vielfältige mineralogische und geologische Informationen, aber auch Details zur Gewinnung und Verarbeitung der Granate der böhmischen Fundgebiete enthalten.

 

 

 

Bohmische Granate Abbildung 4Abbildung 4: Gegen Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die 16 Kreise des Königreichts Böhmen von Jaroslaus Schaller und Johann Gottfried Sommer ausführlich beschrieben. Die Abbildung zeigt die Titelseiten der Bände über den Leutmeritzer bzw. Leitmeritzer Kreis von Schaller (1787) und Sommer (1833); in diesem Kreis befinden sich die ökonomisch wichtigsten Granatvorkommen Tschechiens.

 

 

 

Bohmische Granate Abbildung 5Abbildung 5: Portraits einiger Naturwissenschaftler, die im 18., 19. und 20. Jahrhundert Arbeiten über die Geologie und Mineralogie Böhmens veröffentlicht haben, welche auch Informationen über die Granatvorkommen, die Eigenschaften der Granate und deren Gewinnung enthalten.

 

 

Eine gewisse Schwierigkeit entsteht durch unterschiedliche Nomenklatur der beschriebenen Gesteine durch verschiedene Autoren im Zeitraum von etwa eineinhalb Jahrhunderten (ca. 1770-1930). Es wurde versucht dieser Tatsache behutsam Rechnung zu tragen, ohne diese Zusammenfassung mit teilweise widersprüchlichen Details zu überlasten.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus verschiedenen älteren Schemata für eine Einteilung der Granate, die vornehmlich nach der Morphologie durchgeführt wurde, bevor sich eine Einteilung der Granatspezies nach Endgliedern der natürlichen Mischkristallreihen entsprechend den chemischen Hauptbestandteilen durchgesetzt hat, die heute noch gültig ist. Eine Übersicht der verschiedenen in der älteren Literatur verwendeten morphologischen oder anderen Einteilungen geben SCHRÖTER (1774) und BRÜCKMANN (1778). Für die beiden einzigen Granatspezies von Edelsteinqualität, die in Böhmen vorkommen, Pyrop und Almandin, findet man deshalb in manchen zusammenfassenden älteren Arbeiten noch Einteilungen in dodekaedrischen und hexaedrischen Granat (VON STERNBERG, 1827), wobei es sich in diesen Arbeiten nicht in allen Fällen feststellen lässt, ob es sich um Pyrope oder Almandine gehandelt hat. Lediglich wenn neuere Analysen von Granaten der genannten Fundpunkte oder Informationen über die Muttergesteine vorliegen, lässt sich entscheiden, ob Pyrop, ein Magnesium-Aluminium-Granat, oder Almandin, ein Eisen-Aluminium-Granat, vorgelegen hat bzw. beschrieben wurde.

Bezüglich einer zusammenfassenden Darstellung der Eigenschaften böhmischer Granate (chemische und spektroskopische Merkmale, Einschlüsse) und die Granatgewinnung nach 1945 wird auf die kürzlich erschienene Darstellung tschechischer Kollegen verwiesen (HANUS et al., 2024).

 

 

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heft1 2 2021

Inhalt des Hefts 1/2 Juni 2026

75 Jahre Zeitschrift der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft

C. C. Milisenda und J. Guo
Neues Vorkommen kupferführender Turmaline in Äthiopien

K. Schmetzer
Böhmische Granate - Vorkommen, Gewinnung und Verarbeitung

U. Henn und R. Schmidt
Panthera-Jaspis aus Baumholder

U. Henn, T. Döbler, Q. Wang und T. Stephan
Purpur- bis lilafarbener Chalcedon aus Äthiopien

Angie Crabtree: Edelsteine auf der Leinwand
Ein Portrait der Künstlerin von B. Weninger

 

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